Logo DynaMind
Psychoanalytisches Business Coaching

Die Kunst der Langeweile

Warum es uns gut tun kann, manchmal einfach nur die Wand anzustarren

Vielleicht regt sich beim Titel dieses Artikels direkt Widerstand bei Ihnen? – „Langeweile? Pah! Ich wünschte, ich könnte mir Langweile leisten, aber dafür hab ich vieeel zu viel zu tun!“ Oder: „Langeweile habe ich höchstens mal, wenn der Flieger nach zwei Stunden Verspätung immer noch nicht kommt.“ Sich richtig gelangweilt, das hatte man doch zuletzt als Kind, oder?

Zumindest in der Coronazeit schien das Phänomen Langeweile für einige von uns wieder präsenter zu werden. Was tun mit all der Zeit, die nicht mehr durch Ausgehen, Freunde treffen oder Essen gehen gefüllt werden konnte? Artikel und Videos in sozialen Netzwerken zu Tipps, was man jetzt, in der Coronazeit, alles anpacken könne, schienen sich großer Beliebtheit zu erfreuen, auch wenn häufig schon im Nebensatz erwähnt wurde, sich doch bitte ja nicht noch mehr Stress zu machen, durch den Aufruf zur Produktivität in den eigenen vier Wänden. Sich möglicherweise langweilen zu können scheinen viele Menschen tunlichste vermeiden zu wollen. Aber was ist Langeweile eigentlich?

Langeweile als Gefühlszustand

Wenn man sich daran zurückerinnert, wann man sich das letzte Mal gelangweilt hat, egal ob in der Abflughalle am Flughafen oder als Kind bei Familienzusammenkünften, würde vermutlich die meisten  zustimmen, dass Langeweile ein durchweg negativ erlebter Zustand ist. Man weiß nicht, was man tun soll. Die Zeit scheint sich ins Unendliche zu dehnen und das fühlt sich schrecklich an.

Ein Stück Historie

Ein kurzer Exkurs in die Geschichte. Langeweile ist nämlich keineswegs eine Erfindung der Moderne. Das mitteldeutsche Wort „Lange Whîle“ bezeichnete zunächst einen reinen Zeitbegriff: eine lange Zeit. Erst mit der Aufklärung und dem Durchsetzen der Vorstellung eines mündigen, selbstbestimmten Menschen, der seiner Selbstbestimmtheit durch eine sinnvolle Tätigkeit Ausdruck verleiht, wird Langeweile in einem Wörterbuch der hochdeutschen Mundart aus dem Jahr 1777 als „unangenehme Empfindung der leeren, geschäftslosen Zeitdauer“ definiert.[1] Langeweile ist nach dieser Definition also das unlustvolle Gegenteil von Arbeit.

Langeweile in der Psychoanalyse[2]

In der Psychoanalyse wird Langeweile als ein Ich-Zustand gesehen, der durch eine unruhige Suche nach einem Anreiz von außen oder einem Objekt, sprich einem Gegenüber, charakterisiert ist, welches aus der Langeweile befreien soll. Ein sich langweilender Mensch weiß nicht, was er will und was er begehrt, also wonach er sich sehnt. Üblicherweise fordert ein sich langweilender Mensch die Umgebung auf ihm zu sagen, was er tun kann. In Analysen lässt sich Langeweile oft als vom Patienten unbewusst inszeniertes, manchmal auch von Patient*in und Analytiker*in gemeinsam inszeniertes Abwehrgeschehen verstehen, durch das beispielsweise brisante Liebesübertragungen oder aggressive Impulse abgewehrt werden. Zwiebel (1992)[3] beschreibt in seinem Buch „Schlaf des Analytikers“ eindrucksvoll wie der Analytiker plötzliche Empfindungen heftiger Langeweile erfährt, schläfrig gemacht wird, teilweise wie betäubt ist, um heftige Übertragungsbewegungen des Patienten nicht spüren und deuten zu können.

Langeweile immer gleich beseitigen?

Wenn Kinder sich langweilen, scheint dies für ihre Eltern manchmal unerträglicher zu sein, als für die Kinder selbst. Es werden unzählige Vorschläge gemacht, die von den Kindern meist alle abgelehnt werden. Dies kann bedeuten, dass Kinder im Zustand der Langeweile verbleiben möchten. Sie brauchen diese Zeit, um sich darüber klarzuwerden, wo ihre Neugierde und Lust sie als nächstes hinführt. Das gelangweilte Kind ist für Philips (1997, S.113)[4] „ein Ensemble anwesender Möglichkeiten“. Auch der Autor Masud Khan (1986)[5] beschreibt in seiner Arbeit über „Das Brachliegen“ seelische Übergangszustände mit einer ungerichteten Suchbewegung, die jedoch letztendlich das Ich stärken. Mit dem Bild eines Ackers, der ein Jahr brachliegen muss, damit auf ihm auch weiterhin Lebendiges wachsen kann, braucht die Seele leere Zeiten und leere seelische Räume. Langeweile wird als eine Abwandlung dieser Leere angesehen und kann dann eine Regression im Dienste des Ich sein, eine kreative, regenerative Ich-Leistung.

Für die analytische Beziehung, ebenso wie im psychodynamischen Coaching bedeutet dies zunächst in der Analyse langweilige Stunden bzw. im Coaching, dass zeitlich wesentlich begrenzter ist, Gefühle von Stillstand oder Ratlosigkeit zu tolerieren. Es bedeutet abwarten zu können, ohne zu wissen, was in einer Stunde, während einer Phase der Analyse oder des Coachings passiert. Psychoanalytische Arbeitsmodelle wie die „gleichschwebene Aufmerksamkeit“ oder das „dritte Ohr“ bezeichnen eine analytische Haltung und Wahrnehmung, die nicht zielorientiert ist, sondern (idealerweise) ungerichtet. Diese Ungerichtetheit findet sich auch in der Langeweile. Richtung und Ziel liegen noch im Verborgenen. Philips (1993, S.118) spricht von einer für Analytiker*innen notwendigen „aufmerksamen Langeweile“. Ein solcher, fast meditativer Zustand, trägt der Zeitlosigkeit und Ungestaltetheit des Unbewussten Rechnung.

Langeweile als heimlicher Wächter der Triebe

Eine andere, mehr triebökonomische Betrachtung der Langeweile, bietet Fenichels Arbeit „Zur Psychologie der Langeweile“ (1934)[6]. Langeweile ist demnach durch „Unlustgefühle“ gekennzeichnet, die sich aus dem „Widerstreit zwischen dem Bedürfnis nach Betätigung und dem Mangel der Anregung dazu, bzw. der Unfähigkeit, sich anregen zu lassen“ (S.270) entwickeln. Dieser Zustand der Passivität ist nicht gewollt und das Ergebnis unbewusster Abwehrvorgänge; Triebwunsch und Triebziel sind verlorengegangen. Viele verbinden Langeweile mit Aktivitäten, die sie als Kinder tun mussten, jedoch gar nicht wollten, wie z.B. sonntags spazieren gehen zu müssen. Hier ist die Langeweile das Ergebnis einer von außen kommenden Zwangsmaßnahme. Wodurch entsteht aber die innere, unbewusste Zwangsmaßnahme, wodurch Triebwünsche verlorengehen?

Wer sich langweilt, „sucht ein Objekt, nicht um an ihm seine Triebimpulse zu betätigen, sondern um mit seiner Hilfe ein ihm fehlendes Triebziel zu gewinnen. Die Triebspannung ist da, das Triebziel fehlt“ (S.271). Diese „Triebspannung ohne Triebziel“ ist nach dem Freud’schen Triebmodell sehr merkwürdig, da sie bei dem Sich-langweilenden nicht automatisch zu Impulshandlungen führt, sondern dieser im Zustand der Impulslosigkeit verharrt, den er aber nicht als lustvoll, sondern als unlustvoll und spannungsreich erlebt (Beusch, 1999, S.143). [7] Der unbewusste Wunsch eine sich langweilenden Menschen ist es laut Fenichel, eine Triebentspannung ohne aktive Triebhandlung zu erreichen. Diesen Prozess beschreibt Fenichel anschaulich, indem er eine sich langweilenden Menschen sprechen lässt: „Ich bin erregt. Lasse ich die Erregung weiter zu, so bekomme ich Angst. Deshalb sage ich mir: Ich bin gar nicht erregt, ich will gar nichts tun“ (S.275). Bis hierhin liest sich seine Beschreibung der Langeweile wie eine Verdrängung. Jedoch reicht die Verdrängung nicht aus, da die Spannung zu groß wird, Fenichel schreibt weiter: „Ich spüre aber, dass ich dennoch etwas tun will; da ich aber mein ursprüngliches Ziel vergessen habe, weiß ich nicht was. Die Außenwelt muss etwas tun, was mich aus meiner Spannung befreit und mir doch nicht Angst macht (…) Sie muss mich zerstreuen, damit ich das, was ich tue, von meinem ursprünglichen Ziel weit genug entfernt ist. Sie soll das Unmögliche möglich machen: mir Entspannung ohne Triebhandlung verschaffen“ (Fenichel, 1934).

Langeweile als „Triebspannung ohne Triebziel“

Die Langeweile ist demnach im Dienst des Über-Ich gestellt, sie ist eine Tarnung, hinter der sich unerlaubte Triebwünsche verbergen – ein Wächter der Triebe. Die Triebspannung ist weiterhin anwesend und sogar teilweise sichtbar, so kann man an die Zappeligkeit bei Kindern denken oder das rhythmische Klopfen mit den Fingern bei Erwachsenen, sowie das Wippen mit dem Fuß. Kinder fangen manchmal aus Langeweile an zu weinen, weil sie die Spannung nicht weiter aushalten. Die Reize der Außenwelt wird im Zustand der Langeweile als monoton erlebt und verstärken die innere Triebspannung.

In dieser Betrachtung ist Langeweile das Ergebnis von Libidostauung und Abwehr, ein Vorgang, in dem zwei zentrale Abläufe einander wechselseitig verstärken: 1). Die innere Triebspannung mit unbewusstem Triebziel und Objekt ist so stark, dass Verdrängung als Abwehr nicht ausreicht. 2) Die Suche nach Außenwelt-Reizen beginnt. Die als monoton erlebt Außenwelt verstärkt die Triebspannung noch weiter.

Heißt dies, dass Langeweile immer von Unlust gekennzeichnet ist, oder könnte die Reizspannung auch eine gewisse Lust, vielleicht eine „Vorlust“ beinhalten? Schon Freud beschäftige sich mit dem Widerspruch, dass jede Unlust mit einer Erhöhung, jede Lust mit einer Erniedrigung der im Seelischen vorhanden Reizspannung zusammenfalle. Dagegen spreche schon, dass es sich beim Zustand der Sexualerregung um das „aufdringlichste Beispiel einer solchen lustvollen Reizvergrößerung“ handele (Freud 1924, S. 27)[8]. Freud vermutete qualitative Gradmesser, die jedoch noch unerforscht sind: „Wir wären viel weiter in der Psychologie, wenn wir anzugeben wüssten, welches dieser qualitative Charakter ist. Vielleicht ist es ein Rhythmus, der zeitliche Ablauf in den Veränderungen, Steigerungen und Senkungen der Reizquantität; wir wissen es nicht (Freud 1924, S. 27).

Auch die Langeweile kann ganz unterschiedliche Qualitäten für uns annehmen. Sie kann ein Übergangszustand darstellen, mit unklarer Zielrichtung und damit angenehme, neugierige und lustvolle Qualitäten enthalten. Sie ist gleichzeitig aber immer auch geprägt von „unlustiger Entspannung“, weil sie eine nicht gewollte und damit Unlust erzeugende Tatenlosigkeit ist. Ob sie auch lustvolle Färbungen annehmen kann, hängt primär von der Ich-Organisation des sich langweilenden Menschen ab, hauptsächlich von seiner Toleranz für Unruhe-, Spannungs- und Leerezustände.

Der Zusammenhang von Langeweile, Hunger und Leere

Aus Langeweile zu essen, zu rauchen, Kaffee oder Alkohol zu trinken, wenn wir ehrlich zu uns sind, haben wir mindestens eines dieser Dinge schon einmal aus Langeweile getan. In der Arbeit “On boredom“ („Über Langeweile“) hat Greenson (1953)[9] den Zusammenhang zwischen Langeweile und Oralität psychoanalytisch untersucht. Greenson stimmt dabei in seiner Einschätzung mit Fenichel überein, dass Langweile keineswegs ein Mangel an Spannung, sondern im Gegenteil ein Zustand voller Spannung sei. Es gehe dabei jedoch um eine besondere Art der Spannung, die Spannung der Leere. Der gelangweilte Mensch ist nach Greenson „voller Leere“ (S.17). Die Leere sei eine psychische Repräsentanz für die abwesende, mütterliche Brust. Langeweile bedeute: “No mother, no breast, mother will not come” (1953, S. 17). Der sich langweilende Mensch verleugnet die Introjektion des versagenden mütterlichen Teilobjektes und platziert es stattdessen außerhalb seiner Selbst, womit er sich dem Objekt entledigt. Er sagt: „Es ist nicht wahr, dass meine Mutter in mir ist. Ich bin nur ein kleines Baby, das hungrig auf etwas Befriedigung wartet (Greenson, 1953, S. 17, Übersetzung Kreuzer-Haustein). So ist auch für Greenson die Langeweile, ähnlich wie bei Fenichel, ein wichtiger Abwehrvorgang, doch mit einem deutlicheren Blick auf (unbewusste) Wut und Hassgefühle auf das versagende Objekt oder gegen das Selbst gerichtete Feindseligkeit. Eine zentrale These seiner Arbeit ist: „Die Verleugnung der Introjektion (des versagenden mütterlichen Teilobjekts) scheint der entscheidende Abwehrmechanismus zu sein, der es dem Patienten möglich macht, Langeweile zu entwickeln und gleichzeitig eine schwere depressive Reaktion abzuwehren“ (Greenson 1953, S. 17). Die chronische, charakterpathologische Langeweile als Symptom bei Greenson kann als Äquivalent für Depression angesehen werden und ist gleichzeitig die Abwehr einer schweren, malignen Depression.

Schlussbemerkungen

Die kreative Kraft der Langeweile scheint über die reine Abwehrfunktion der Langeweile hinaus zu gehen. Sie beinhaltet die Fähigkeit Langeweile als ziellos-ungerichteten Übergangszustand entstehen zu lassen, aus dem sich neue seelische Prozesse entfalten können. Eine wichtige Voraussetzung scheint die Ich-Toleranz für Leere- und Spannungszustände zu sein, die unangenehme Gefühl mit sich bringen können, wie Gefühle von Leere und Sinnlosigkeit. Die Toleranz für solche von Angst und Desorganisation geprägten Gefühlszustände hängt entscheidend von der inneren Objektwelt ab, d.h. wie wir die Beziehung zu unseren frühen Bezugspersonen erlebt haben und sich diese Beziehung in unserer psychischen Innenwelt verankert haben. Ist die innere Objektwelt von überwiegend feindlichen Objektrepräsentanzen geprägt, so erhält die Langeweile einen quälenden, von Destruktivität begleitenden Charakter, aus er nichts Neues entstehen kann, sie dient ausschließlich der Abwehr bedrohlicher Empfindungen und Depressionen, die die Integrität des Ichs bedrohen könnten. Ist die innere Objektwelt jedoch ausreichend lebendig und schützend, so kann Langeweile in unserer Kultur der ständig empfundenen Zeitknappheit, zeitlichen Überstrukturierung unseres Alltags und der Fetischisierung von Tätigkeit ein Regulativ sein (Kreuzer-Haustein, 2001). Im Zustand der Langeweile lassen wir Zeit verstreichen, wir „starren die Wand an“ und geben der Plan- und Ziellosigkeit Raum. Eine solche „gesunde Langeweile“ widersetzt sich dem gesellschaftlichen Druck der Zeitreglementierung und vorrübergehend auch dem Zugriff unseres vernünftigen Ich: man weiß nicht, was man tun will, damit ist das Ich in seiner gewohnten Tätigkeit eingeschränkt und entmachtet: zielgerichtet zu planen und zu handeln. Langeweile ist dabei aber etwas anderes als die Muße, welche – ebenfalls ein Kind der Aufklärung – zielgerichtet ist: „Muße ist nicht Nichtstun, sie ist geistige Tat“ (Mattenklott 1986, S. 44).[10] Sie ist eine Zeit der Besinnung, vor oder nach einer Tätigkeit. Langeweile hingegen ist ungerichtet, man kann sich nicht dazu entschließen sich zu langweilen, sondern Langeweile entsteht wie eine Stimmung, ein plötzlich auftretender seelischer Zustand, und kann, wenn sie toleriert wird, kreative und regenerative Tatenlosigkeit sei.

Sophie Grußendorf, Psychologin und Coach bei dynaMind

 

[1] Vgl. das „Wörterbuch der deutschen Sprache“ (1807–11), herausgegeben v. J.H. Kampe, Bd. 3, S. 31. Diese Angaben sind enthalten in Hofstaetter (1991) S. 27f.
[2] Vgl. Kreuzer-Haustein U (2001) Zur Psychodynamik der Langeweile. Forum der Psychoanalyse. 17:99-117
[3] Vgl. Zwiebel R (1992) Der Schlaf des Analytikers. Die Müdigkeitsreaktion in der Gegenübertragung. Verlag Internationale Psychoanalyse, Stuttgart München.
[4] Vgl. Philips A (1997) Vom Küssen, Kitzeln und Gelangweiltsein. Steidl, Göttingen.
[5] Vgl. Masud Khan RK (1986) Das Brachliegen. In: Zwischenschritte. Beiträge zu einer Morphologischen Psychologie. 5. Jahrgang, 2. Heft, Köln, S 31-36
[6] Vgl. Fenichel O (1934) Zur Psychologie der Langeweile. Imago 20:270-281
[7] Vgl. Bensch R (1999) Zur Psychoanalyse der Langeweile. Jb Psychoanal 41:135-163
[8] Vgl. Freud S (1924) Das ökonomische Problem des Masochismus. GW Bd 13
[9] Greenson R (1953) On boredom. J Am Psychoanal Assoc I:7-21
[10] Vgl. Mattenklott G (1986) Faulheit. In: ders. Blindgänger. Physiognomische Essais. Suhrkamp, Frankfurt aM, S 43-71