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Psychoanalytisches Business Coaching

Die Rolle der Persönlichkeit: Innere Konflikte als Burnout-Booster?

Persönlichkeit ist kein Produkt des Zufalls. Kein zufälliges Bündel von Eigenschaften, das uns voneinander unterscheidet. Ob intro- oder extravertiert, ob temperamentvoll oder ausgeglichen: Wir alle haben eine Persönlichkeit ausgebildet, die sich nach Allport (1959) neben genetischen Aspekten als „einzigartige Anpassung“ an unsere individuellen Umweltbedingungen beschreiben lässt. Aus psychoanalytischer Sicht wird der Grundstein dieser Anpassung in frühen Jahren gelegt und manifestiert sich als sogenannte „innere Konflikte“. Dabei werden innere Konflikte als „innerseelische Zusammenstöße gegensätzlicher Motive“ definiert, die zu „zeitlich überdauernden festgelegten Erlebnis- und Verhaltensmustern führen“ (Arbeitskreis OPD, 2011).  

Im psychodynamischen Diagnosesystem, der OPD, werden 7 innere Konflikte unterschieden

1. Individuation versus Abhängigkeit (K1)
2. Unterwerfung versus Kontrolle (K2)
3. Versorgung versus Autarkie (K3)
4. Selbstwertkonflikt (K4)
5. Schuldkonflikt (K5)
6. Ödipaler Konflikt (K6)
7. Identitätskonflikt (K7)

Bei dem Unterwerfung versus Kontrolle Konflikt (K2) beispielsweise, steht das innere Motiv, sich zu unterwerfen, der Motivation, Macht und Kontrolle über andere auszuüben, gegenüber. Lassen sich diese gegensätzlichen Motive nicht gut miteinander verbinden oder ein Ausgleich zwischen beiden finden, führt dies zu einem inneren Konflikt. Der Versuch diesen Konflikt zu bewältigen kann auf eine aktive oder passive Art und Weise geschehen. In Abhängigkeit davon, ob der innere Konflikt im aktiven oder passen Modus bewältigt wird, manifestieren sich spezifische Muster, die das Erleben und dadurch das Verhalten einer Person bestimmen. Im Falle des Unterwerfung versus Kontrolle Konfliktes (K2) stellt die Unterwerfung die passive und die Kontrolle die aktive Bewältigungsform dar.
Diese unbewussten, inneren Konflikte müssen nicht notwendigerweise als pathogen klassifiziert werden. Veränderte Umweltbedingungen, wie eine Trennung vom Lebenspartner, Jobverlust oder Konflikte am Arbeitsplatz können allerdings dazu führen, dass die Mechanismen, die uns helfen mit diesen inneren Konflikten umzugehen, außer Kraft gesetzt sind. Dann kann es zur Symptombildung kommen. Beispielsweise zu Burnout.

Aber welche inneren Konflikte sind mit Burnout assoziiert?   
Im Rahmen einer repräsentativen Querschnittsstudie mit 545 Beschäftigten und Führungskräften im Alter von 20 bis 64 Jahren sind wir dieser Frage nachgegangen. Zusätzlich haben wir uns gefragt, welche inneren Konflikte mit Engagement und Zufriedenheit auf der Arbeit in Verbindung stehen.        Die Studienergebnisse haben gezeigt, dass die passive Bewältigung innerer Konflikte als Vulnerabilitätsfaktor für die Entstehung von Burnout einzuordnen ist: Insbesondere Personen, die sich als abhängig (K1), unterwürfig (K2), selbstentwertend (K4) oder zu übermäßiger Schuldübernahme neigend (K5) beschrieben, wiesen eine höhere Burnout-Ausprägung auf.
Das Gegenteil zeigte sich für die aktive Bewältigung der Konflikte: Besonders niedrige Burnout-Werte hatten Personen, die zur Selbstaufwertung sowie zur Verleugnung von Schuldgefühlen neigen. Auch zeigten diese StudienteilnehmerInnen höhere Arbeitszufriedenheits- und Arbeitsengagementwerte.

Wieso führen gerade diese Konflikte zu Burnout?    
Die passive Bewältigungsform zeichnet sich durch die sogenannte Objektbezogenheit aus. Menschen, die zu Abhängigkeit, Unterwerfung, Selbstentwertung oder übermäßiger Schuldübernahme neigen, sind in ihren Erlebnis- und Verhaltensmustern in großem Umfang auf ihr soziales Umfeld bezogen. So brauchen abhängige und unterwürfige Personen ein Gegenüber, von dem sie abhängig sein oder dem sie sich unterwerfen können. Im Falle des Burnouts als arbeitsbezogene psychische Störung also das soziale Umfeld am Arbeitsplatz. Wenn sich dieses durch Jobverlust oder Konflikte mit Vorgesetzten oder KollegInnen verändert, kann dieser Mechanismus außer Gefecht gesetzt werden: die Vulnerabilität wird zur Störung.
Anders sieht es bei der aktiven Bewältigung aus: Zwar weisen Personen, die zur Selbstaufwertung sowie zur Verleugnung von Schuldgefühlen neigen, eine starke Selbstbezogenheit auf, aber auch sie sind von anderen Menschen abhängig. So brauchen diejenigen, die sich stets selbst aufwerten, das Gegenüber, um bestätigt und bewundert zu werden. Und diejenigen, die eigene Schuldgefühle verleugnen, brauchen ein Gegenüber, dem sie die Schuld geben können. Doch im Gegensatz zur passiven Bewältigung, scheint das Gegenüber hier austauschbarer zu sein. Dadurch führen auch Veränderungen am Arbeitsplatz nicht gleich zur Entstehung von Symptomen – solange ein neues Gegenüber gefunden werden kann. Hinzu kommt, dass diese Menschen weniger dazu tendieren sich Schwächen, wie Erschöpfung oder geringes Arbeitsengagement, einzugestehen und geben diese daher auch in Fragebogenerhebungen seltener an.

Was bedeuten diese Ergebnisse für Sie als Führungskraft und Ihre Mitarbeiter?      
Die passive Bewältigung innerer Konflikte scheint die größere Vulnerabilität für die Entstehung von Burnout darzustellen. Aber auch aktive Bewältigungsformen können bei großen Veränderungen am Arbeitsplatz zu Symptombildung führen. Die Untersuchung innerer Konflikte mittels des Diagnoseinstruments der OPD ermöglicht die zielgerichtete Bearbeitung problematischer intrapsychischer sowie interpersoneller Persönlichkeitsaspekte im Rahmen eines individuellen Coaching-Prozesses. Konkret kann es dabei darum gehen, wiederkehrende Konfliktsituationen zu erkennen und eigene Emotionsregulationsfähigkeiten auszubauen.

Emotionsregulation ist lernbar

Auch besteht die Möglichkeit, im Rahmen eines Gruppencoachings die Konfliktkonstellationen der MitgliederInnen eines Teams zu betrachten. Problematische Teamdynamiken können so ausfindig gemacht und bearbeitet werden. Beispielsweise suchen sich Menschen, die dazu neigen sich zu unterwerfen, häufig KollegInnen mit ausgeprägtem Machtwillen, um sich an diesen orientieren zu können. Hier kann es zur Entstehung blinder Flecken kommen: Die Einschätzungen der sich unterwerfenden MitarbeiterInnen gehen häufig unter, auch wenn diese über mehr Expertise verfügen und so möglicherweise bessere Entscheidungen treffen würde. Diese Konfliktdynamik hindert dann zum einen die individuelle Entwicklung des zur Unterwerfung neigenden Mitarbeiters und gefährdet zum anderen aber auch den Erfolg des Unternehmens.
Eines ist hierbei besonders entscheidend: Innere Konflikte sollten nicht als Defizit oder Schwäche gesehen werden, sondern vielmehr als kreativen, einzigartigen Anpassungsmechanismus der Psyche an die individuellen Umweltbedingungen der frühen Kindheit. Mechanismen, die uns lebensfähig gemacht haben. Und ob Burnout-Booster oder nicht, diese Mechanismen machen das aus, was wir Persönlichkeit nennen.

 

Hier geht es zum Original-Artikel
https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1026/0932-4089/a000319
http://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1026/0932-4089/a000319

Psychologin (B.Sc., M.Sc.) Leonie Derwahl
Psychologe (B.Sc., M.Sc.) Hannes Gisch