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Psychoanalytisches Business Coaching

Digitalisierung – Die Sehnsucht nach sozialer Resonanz in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise und das damit einhergehende Gebot des Social Distancing erfordert von Unternehmern, ihren Kollegen und von ihren Mitarbeitern ein hohes Maß an flexibler Anpassung – nicht nur der Arbeitsverhältnisse, sondern auch der beruflichen zwischenmenschlichen Kontakte. Überall da, wo es möglich oder aufgrund von Quarantäne erforderlich ist, wird das Büro in die eigenen vier Wände verlegt. Berufliche als auch private Kontakte werden auf das Minimum reduziert und sowohl Rücksprachen als auch Team-meetings erfolgen mittels Telefon, E-Mail, diverser digitaler Plattformen oder Messenger.

Dabei erweisen sich die digitalen Kommunikationstechnologien als sehr nützliche Hilfsmittel, um die Arbeitsbedingungen an die aktuellen Umstände anzupassen. Doch diese offenbare Attraktivität und Nützlichkeit reicht nicht aus, um deren Bedeutsamkeit für den Nutzer in Zeiten von Home Office und Social Distancing zu erklären. Die tiefere Begründung der enormen Attraktivität von Smartphones, Notebooks und Tablets, sowie deren medialen Angebote wie Zoom, Teamviewer, Sykpe, Facetime, GoToMeeting oder Messenger wie Whats-app oder Telegramm sind im Seelenleben derjenigen begründet, die sich ihrer bedienen. Doch was macht die digitalen Kommunikationsmedien gerade jetzt für uns so besonders?

„There is no such thing as a baby“

Mit diesen Worten drückt Donald.W. Winnicott die Tatsache aus, dass ein Säugling nicht ohne die Fürsorge und Anerkennung seiner Mutter überleben kann. Denn nur mit ihrer Hilfe, gelingt es ihm, sich seine Realität zu schaffen sowie die Fähigkeit alleine sein zu können. In der frühen Entwicklung ist das Kind noch nicht von seiner Mutter, das Innen noch nicht vom Außen und die Phantasie noch nicht von der Realität getrennt, sondern sind zunächst noch durch Spiegelungs- und Resonanzbeziehungen zwischen Mutter und Kind miteinander verbunden. Erst im weiteren Verlauf entwickelt sich zwischen der Mutter und ihrem Kind allmählich ein Spannungsfeld, ein sogenannter „potentieller Raum“, in dem der Säugling das eigene Selbst von der Mutter zu trennen und sich als ein einzigartiges, mit bestimmten Begabungen ausgestattetes Individuum zu begreifen lernt.

In diesem Entwicklungsprozess entdeckt der Säugling sogenannte „Übergangsobjekte“, welche weder ganz zur äußeren noch der inneren Welt des Säuglings gehören. Bei dem Übergangsobjekt handelt es sich zumeist um einen Gegenstand, wie einem Teddybären oder einem Schmusetuch, dem der Säugling eine besondere Bedeutung zuspricht und das ihn beruhigt und tröstet, wenn er von seiner Mutter getrennt ist. An dieser Entdeckung zeigt sich, dass das Selbst des Säuglings aufzutauchen beginnt und ein intermediärer Raum entsteht, in dem der Säugling spielen, phantasieren, träumen oder auch kreativ sein kann.

„Ich werde gesehen, also bin ich“

In dieser Formel scheint der Schlüssel für das Verständnis der besonderen Bedeutsamkeit und Attraktivität digitaler Kommunikationsmedien für den Arbeitsalltag in Zeiten von Home-Office und Social Distancing zu liegen:

Durch die neuen Kommunikationsmedien und deren digitale, interaktionelle Bühne eingeladen, sowie durch das eigene Bedürfnis nach Resonanz angetrieben, kehren wir unsere eigenen Gedanken, Gefühle, Ängste und Sorgen sowie Wünsche, Bedürfnisse und Abneigungen mit deren Hilfe nach außen und warten sehnsüchtig auf den Widerhall unserer Kollegen und Vorgesetzten. Dabei können Smartphones, Tablets und Notebooks im alltäglichen beruflichen Umgang auch als mögliche Übergangsobjekte betrachtet werden, die zwischen dem Selbst und der äußeren beruflichen Realität vermitteln.

Für diese Auffassung gibt es aktuell jede Menge Beispiele, die wir auch aus dem Arbeitsalltag im Home Office kennen: Erwischen wir uns nicht gerade selbst immer wieder dabei, wie wir unsere E-Mails auf dem Tablet oder Notebook checken und wie wir vermehrt den Kontakt zu unseren Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten über die digitalen Kommunikationsmedien suchen? Finden wir nicht tagtäglich neue kreative oder spielerische Lösungen, um die soziale berufliche Isolation mittels der digitalen Medien erträglich zu machen und mit unseren Kollegen in Verbindung zu bleiben? Nehmen wir nicht alle momentan verstärkt das Gefühl wahr, ohne unser Smartphone nicht außer Haus gehen zu wollen und hoffen wir nicht immer wieder erwartungsvoll auf das Vibrieren und das Erhalten einer Nachricht aus dem Büro? Und kennen wir nicht auch alle die Panik, die gerade jetzt entsteht, wenn wir unser Handy verlegt, das Notebook kaputt gemacht oder das Tablet vergessen haben, da wir so nicht mit unserem Team in Verbindung stehen können?

Für diese Phänomene liefern die psychoanalytischen Konzepte des intersubjektiven Narzissmus, einer haltgebenden Umwelt und einer Spiegelungs- und Resonanzbeziehung zwischen Mutter und Kind einen metapsychologischen Ansatzpunkt, um die immense Bedeutung der digitalen Medien und deren interaktive Nutzung für unseren momentanen Arbeitsalltag zu verstehen. Digitale Medien übernehmen hier die Funktion eines vermittelnden Übergangsobjektes. Was auf den ersten Blick nach einer Lust an der Selbstmitteilung aussieht, birgt insgeheim unsere Hoffnung nach Umweltresonanz. Denn nur durch die Resonanz unserer Mitmenschen können wir erfahren, wer wir sind. Dieses menschliche Bedürfnis nach der Vergewisserung unserer Selbst im Spiegel des Anderen, lässt uns auch verstehen, warum unser Verlangen nach sozialer Sichtbarkeit und Resonanz durch unsere Kollegen, Mitarbeiter und Vorgesetzten mit Hilfe digitaler Kommunikationsmedien gerade in Zeiten von Home-Office und Social Distancing für uns so bedeutsam ist.

 

Julia Perlinger, Coach bei DynaMind

Wenn Sie als Führungskraft Unterstützung in der aktuellen Krisensituation suchen wenden Sie sich gerne an uns. Wir coachen auch im Videokontakt und am Telefon.