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Psychoanalytisches Business Coaching

Generation Null Fehler bei der Arbeit

Die Forderung nach einer offenen Firmenkultur ist in den meisten Unternehmen zu hören und dennoch scheint der Umgang mit Fehlern und Nichtwissen noch immer eine Herausforderung für die meisten von uns. Das führt so weit, dass auch sehr kompetente Kollegen*innen Unbehagen entwickeln, sich in Meetings offen zu zeigen.

Nichtwissen in Zeiten unsicherer Arbeitsbedingungen

Vor allem in hierarchisch geführten Teams und bei unsicheren Arbeitsplätzen mit befristeten Verträgen besteht eine als fragil erlebte Abhängigkeit von der Bewertung durch Vorgesetzte.
Die Angst vor Beschämung und vor Enttarnung besteht über eine solche faktische Abhängigkeit weit hinaus. Auch von Kollegen*innen mit stabilen Arbeitsbedingungen und auch im Feierabenddiskurs werden einfach Fragen nicht gestellt. Unsichere Arbeitsverträge und Beschäftigungsverhältnisse scheinen insofern nur einer ohnehin schon bestehenden Stimmung Ausdruck zu geben.

Generation Null Fehler

Diese Art von Stimmung beschreibt der bekannte Soziologe und Journalist Heinz Bude, er nennt sie die Grundstimmung unserer Generation der 35 bis 45-Jährigen, die er „Generation Null Fehler“ nennt. Es sagt, sei eine Generation, die wohlhabend sei und reich an Optionen und Möglichkeiten im Leben und in der dennoch eine subtile Angst und ein sonderbares Unbehagen regiere. Es sei die fein rieselnde Angst vor Fehlern, vor falschen Entscheidungen und vor Bewertung, die sie sich unbehaglich und mancherorts auch depressiv fühlen ließe.

Um die Angst vor Fehlern besser zu verstehen, ist es sinnvoll sich mit dem Narzissmus unserer Generation in einer Welt der zunehmenden Digitalisierung zu beschäftigen. Die Generation Null Fehler ist ohne Soziale Medien aufgewachsen. Unser Vergleichsrahmen war die Peergruppe und natürlich unsere Eltern. Und nicht zuletzt gab es genügend freie Zeit, in der wir es selbst waren. Wir mussten uns bemühen, uns aus uns selbst heraus zu spüren, zu definieren und zu motivieren. Die Möglichkeit, uns und unser Leben heute zunehmend in sozialen Netzwerken zu verorten und zu vergleichen schafft einen Vergleichsdruck und eine Außenwahrnehmung, der sich die wenigsten entziehen können. So erleben wir unser Leben, und nicht nur das berufliche Leben, in einem ständigen Vergleich.

Wie Bude schreibt, ist die Grundlage unserer Ängste eine Multioptionsangst, die Unfähigkeit mit den unzähligen Möglichkeiten umzugehen und die ein dumpfes Gefühl von Versagen auslöst. Der Vergleich, dem wir ausgesetzt sind umfasst nicht nur alle Lebensbereiche, sondern geht darüber hinaus. Er berührt auch unsere Art in Beziehung zu sein, zu Freunden*innen, zu unseren Kindern und in unseren Beziehungen. Es gibt immer jemanden, der mehr erreicht hat, der entspannter liebt und der entspannter und erfolgreicher sein Leben bewältigt und der uns das in sozialen Medien auch präsentiert. Die Option versagt zu haben ist unser ständiger Begleiter geworden.

Psychodynamisch gesehen schafft dieser ständige Vergleich also eine narzisstische Fragilität. Die Resonanz für unser Leben und unsere Entscheidungen finden wir immer weniger in uns selbst. Sicherlich sind wichtige Menschen für unser Leben noch immer prägend und auch frühe Beziehungen geben uns einen Rahmen für unsere Art, Bindung zu uns selbst und zu anderen aufzubauen. Aber die Abhängigkeit unseres Selbstgefühls von äußerer Bestätigung wird durch die Allgegenwärtigkeit von öffentlicher Bewertung stark verstärkt. Die Notwendigkeit, sich ständig und flexibel anzupassen ist enorm. Psychoanalytiker wie Heiko Maaz sprechen an dieser Stelle von einer narzisstischen Gesellschaft und meinen eine Gesellschaft, die geprägt ist durch den Wunsch nach einer perfekten Außenwirkung, durch Selbstoptimierung und damit aber auch den Rückzug von sich selbst und vom realen anderen.

Zeit für Introspektion

Um sich selbstgeleitet und stabil in Gruppen und Teams zu verorten, braucht es eine deutliche Resonanz von innen. Wichtig sind eigene Werte und die Fähigkeit zur innerpsychischen Regulation von Unsicherheiten. Sicherlich ist die Spiegelung, die wir frühkindlich erlebt haben, noch immer die Basis für unsere Art Bindung zu uns und anderen. In ihr haben wir bestenfalls gelernt unsere Wahrnehmung und unsere Gefühle nicht nur zu erleben, sondern diese auch zu validieren. Aber auch die beste Grundlage nützt nichts, wenn wir uns keine Zeit nehmen, in der Gefühle, Stimmungen und Impulse unabhängig von Bewertungen und Vergleichen erlebt, verstanden und akzeptiert werden.

Unabhängig Einfluss nehmen

Ein solches Paradox lässt sich auch in den sozialen Medien selbst finden – während sie einerseits einen enormen Anpassungsdruck hervorrufen und die innere Abhängigkeit des Nutzers von einem bewertenden Außen stark fördern können, so sind es dennoch die weniger angepassten Stimmen, die die Meinungsbildung in sozialen Medien am stärksten prägen. Influencer*innen gelten als jung, unabhängig und authentisch in ihrer Kommunikation, nicht selten sind es junge Menschen ohne Schulabschluss und mit weniger gradlinigen Biographien. Auf Youtube, Instagram und Twitter fragen sie Fragen, die die unseren widerspiegeln und sie trauen sich Ängste und Sorgen Jugendlicher auf den Punkt zu bringen, die sich diese nicht mehr zu fragen trauen, um nicht in schlechtem Licht dazustehen. Influencer trauen sich mit Erfolg ihre Fragen als Referenzrahmen zu nehmen.

Die nackte Wahrheit

Die Generation Null Fehler scheint ein wenig im Märchen des Kaisers neue Kleider von Andersen festzustecken. Wir starren auf die narzisstisch aufgeblähten Selbstinszenierungen anderer und wir trauen der eigenen Wahrnehmung nicht. Keiner traut sich zu fragen, ob der Kaiser nicht doch vielleicht einfach nackt ist. Ob der Kollege im Meeting, der sich sehr kompliziert ausdrückt, und den keiner versteht, ob er einfach vielleicht nichts Relevantes gesagt hat.

Fehlerkultur ist mehr als das Fehlen von Sanktionierung

In diesem Sinne hat auch eine Studie aus Wien die sicherlich nicht erstaunliche Tatsache festgestellt, dass Menschen, die weniger Druck und weniger instabilen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind, mehr Eigeninitiative und Ideen ins Unternehmen einbringen. Es ist also die Unabhängigkeit von äußerem Druck, der die Menschen kreativ und initiativ werden lässt.
Sie beginnen dann wieder in sich und ihr eigenes Referenzsystem zu vertrauen. Sie fragen dann einfach nach, wenn sie etwas nicht verstehen. Wer das versucht, der erlebt erstaunliches. Wir kommen damit erstaunlich direkt zum (manchmal vorher unbewussten) Kern von Problemen und Stagnation. Wir verstehen das Thema auf neue Weise. Und letztlich werden wir mehr zu uns selbst.

Dipl. Psych. Andrea Wurst

 

Links: Bude H. (2014). Generation Null Fehler, erschienen in: Die Zeit, 18. September 2014

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