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Psychoanalytisches Business Coaching

Kommunikationskompetenz: Übertragung und Gegenübertragung verstehen

Nicht immer sind wir in der Lage unser Gegenüber so wahrzunehmen wie er oder sie wirklich ist. Subjektive Verzerrungen haben einen großen Einfluss darauf, wie wir mit unseren Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten kommunizieren und interagieren. Übertragung und die Gegenübertragung – zwei zentrale Konzepte aus dem psychoanalytischen Businesscoachings – kommen diesen Verzerrungen auf die Spur.

Übertragung und Gegenübertragung

In Bezug auf das Konzept der Übertragung erkannte bereits Freud, dass seine Patient*innen seine Person in einem falschen Licht wahrnahmen. Dabei ging er davon aus, dass sie bestimmte Erwartungen und Beziehungsvorstellungen an ihn herantrugen, die sie bereits aus früheren zwischenmenschlichen Erfahrungen mit ihren nahen Bezugspersonen – also ihren Eltern und Geschwistern – kannten.

Stark vereinfacht gesagt, prägen unsere frühen Beziehungserfahrungen unsere psychische Realität, welche wir auf Situationen im Hier und Jetzt übertragen. Dabei erwarten wir von unserem Gegenüber das, was wir bereits aus unserer Kindheit kennen. Wir projizieren also unsere frühen Beziehungserfahrungen in die Außenwelt und färben dadurch aktuelle zwischenmenschliche Interaktionen und Situationen entsprechend ein.

Übertragungsphänomene sind soweit auch völlig normal, solange die aktuelle Situation nicht nur eine Färbung aus der Vergangenheit aufweist, sondern wir unser Gegenüber und die Beziehung zu dieser Person noch realitätsgetreu wahrnehmen können. Schließlich helfen uns solche inneren Muster, die Komplexität der Realität zu reduzieren und diese einzuordnen. Schwierig wird es erst, wenn es zu starken Verzerrungen der Realität und der Perspektive des Gegenübers kommt.

Nehmen wir ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, ein junger Mann hatte eine sehr autoritäre und manchmal auch angsteinflößende Mutter. Er ist von Kindestagen an gewohnt, nicht gegen die Entscheidungen seiner Mutter ankommen zu können. Im Laufe seiner Entwicklung hat er irgendwann eine innere Haltung entwickelt, in der er einfach aufgegeben und die Entscheidungen seiner Mutter hingenommen hat. Er erlebt sich selbst als ohnmächtig und verspürt seiner Mutter gegenüber unterschwellig Ärger. Stellen Sie sich nun weiter vor, dieser junge Mann erlebt an seinem Arbeitsplatz nun eine für ihn selbst ungünstige Entscheidung seiner Vorgesetzten. Vermutlich wird er nicht als erstes selbstbewusst und entspannt mit ihr das Gespräch suchen, sondern sich eher ärgerlich und resigniert zurückziehen sowie der festen Überzeugung sein, dass an der Entscheidung seiner Chefin nicht zu rütteln ist. DAS ist dann Übertragung. Er überträgt die Eigenschaften seiner Mutter auf die Chefin. Die Verzerrung ist dabei, dass es nicht klar ist wie die Chefin reagiert hätte – vielleicht hätte sie den Mitarbeiter auch gehört und verstanden, vielleicht hätte sie auch eine andere Haltung als er gehabt aber mit sich diskutieren lassen.

Neben der Übertragung sind auch die Gegenübertragungsphänomene in zwischenmenschlichen Interaktionen von Bedeutung. Darunter versteht man jene Gedanken, Gefühle, Bilder, Phantasien und Verhaltensweisen, die im Gegenüber in Reaktion auf das Übertragungsangebot des Interaktionspartners entstehen.

Zurück zu unserem Beispiel: Der genannte Mitarbeiter, der sich dann zurückzieht und sich als hilflos und ohnmächtig erlebt, wird seine Aggression eher unterschwellig ausdrücken. Vermutlich zeigt sie sich in einem Rückzug oder möglicherweise auch in einem Entziehen aus der Situation durch Krankschreibung oder Prokrastination. Möglich wäre auch, dass sich die Aggression in ärgerlichen Gesprächen mit Kolleg*innen in der Kaffeepause zum Vorschein kommt. Das direkte Gespräch mit der Chefin (der Mutter) wird vermieden. Ihr geht er eher aus dem Weg, schneidet sie oder reagiert auf sie unterkühlt und distanziert. Daraufhin fühlt sich die Chefin sehr unwohl, identifiziert sich mit der Mutterrolle, die ihr zugedacht wurde und reagiert ihrem Mitarbeiter gegenüber ärgerlich, mit verstärkter Kontrolle und verfolgend. Es kommt also dazu, dass sie das unbewusste Beziehungsangebot des Mitarbeiters annimmt und sich dadurch die inneren frühen Muster wiederholen.

Übertragung und Gegenübertragung im psychoanalytischen Businesscoaching

Je starrer und unflexibler diese inneren Bilder, Erwartungen und Beziehungsvorstellungen sind und je mehr die Realität dadurch verzerrt wird, desto mehr können die zwischenmenschlichen Beziehungen unter Kollegen und Vorgesetzten behindert und die Zusammenarbeit im Team durch Konflikte und Probleme erschwert werden. An diesem Punkt kommen Führungskräfte und Mitarbeiter dann auch häufig in ein psychoanalytisches Businesscoaching.

Auch im Rahmen eines psychodynamischen Businesscoachings übertragen Klient*innen frühe Beziehungserwartungen auf den Coach, sodass sich in der Coachingbeziehung das wiederholt, was die Führungskraft bereits aus der frühen Kindheit kennt. Ein spezieller Weg zur Bearbeitung der Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene stellt dabei das szenische Verstehen dar.

Um das zu verdeutlichen möchte ich im Folgenden nochmal auf unser Beispiel zurückkommen: Der junge Mann sucht sich nun Unterstützung im psychoanalytischen Businesscoaching. Er trifft dabei auf eine erfahrene Coach, die ein besonderes Augenmerk auf die nonverbalen Signale des Klienten legt, welche unbewusste Beziehungserwartungen beinhalten. Auch ihr wird durch den jungen Mann unbewusst eine gewisse Rolle zugewiesen. Gehen wir davon aus, dass die hierarchische Situation, die eine solche Beratungssituation erst einmal implizit enthält, eben auch die frühen Beziehungsmuster reaktiviert. Auch hier wird der junge Mann, der Rat sucht, die Erfahrungen der eher steilen Hierarchie aus seiner Mutterbeziehung erwarten. Nun stellt sich die psychoanalytische Coach dem Klienten zur Verfügung, nimmt die Übertragungsphänomene des jungen Mannes mit Hilfe ihres Gegenübertragungsgefühls wahr und stellt sie ihm zur Verfügung. Dadurch kann ein Reflexionsprozess in Gang gesetzt und die Wiederholung frühkindlicher Beziehungsmuster verstanden und reflektiert werden. Konkret bedeutet das, dass die Coach spürt, wie sehr der junge Mann sich ihr anpasst und ihren Rat sucht und sie bemerkt, wie wenig er zu widersprechen wagt. Im Laufe der Coachingstunde spürt sie vielleicht auch, wie sehr der junge Mann sich wünscht, von der Coach Halt, Orientierung und Ratschläge zu erhalten. Das wäre dann die Gegenübertragung. Eine erfahrene Coach ist in der Lage, sich in die Dynamik des Klienten hineinziehen zu lassen, diese währenddessen zu reflektieren und ihre Wahrnehmungen dem jungen Mann zur Verfügung zu stellen. Dadurch soll es dem Klienten ermöglicht werden, sein Schema der immer wiederkehrenden Reinszenierung zu erkennen, dies in zukünftigen Situationen zu erkennen und durch neue Verhaltensweisen darauf reagieren zu können. Solche Muster der Reinszenierung sind unbewusst und manchmal sehr stark. Um neue Verhaltensweisen zu entwickeln muss erstmal ein Erkennen stattfinden. Durch die Reinszenierung, die auch im Coaching stattfindet, ist es möglich in der Beziehung zu spüren, was der Klient mit der Situation macht und welch enormen Einfluss diese Inszenierungen auf die Kommunikation haben. In einem gemeinsamen Coachingprozess können dann weitere Verhaltensstrategien erarbeitet werden: Wie könnte ein Gespräch mit der Chefin aussehen, wenn er nicht von einer massiven Dominanz ausgehen würde. Wie würde er sich selbst erleben, wenn er gesehen und gehört werden würde? Wenn er sich selbst als handlungsfähig erleben würde? So kann es im Verlauf nicht nur zu Veränderungen der Kommunikation kommen, sondern auch zu einer Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit.

 

Julia Perlinger, Coach bei dynaMIND

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