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Psychoanalytisches Business Coaching

Sequenz und Symphonie

Die musikalische Organisation unseres Denkens

Der amerikanische Theoretiker und Psychoanalytiker Christopher Bollas, Jahrgang 1943, steht für eine radikale Rückkehr zu Freud. Er ist beileibe nicht der erste, der in der Gegenwart solch eine Rückbesinnung unternimmt, doch Bollas will damit keine orthodoxe Haltung bestärken, oder sich aus dem psychoanalytischen Mainstream heraussprengen. Es geht ihm im Gegenteil dazu darum, eine Offenheit wiedergewinnen, die ihm in den Entwicklungen der verschiedenen psychoanalytischen Schulen verloren zu gehen droht (Bonaminio & Bollas, 2006).

Die Formen, in denen Bollas sein Nachdenken organisiert, sind selbst ziemlich frei: Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich neben seiner Praxis mit theoretischen, psychoanalytischen Reflexionen, dazu mit Literaturtheorie, hat selbst auch Theaterstücke und Comics geschrieben – eine Vielfalt, die sich im Kleinen auch in der Beschäftigung mit einem klassischen Thema der Psychoanalyse fortsetzt: dem Konzept der Freien Assoziation.

Freie Assoziation

Die sogenannte „Grundregel“, nach der analytische Klient*innen selbst dem Lauf ihrer Gedanken frei folgen sollen (wie Zugreisende, die berichten, was vor ihrem Fenster vorbeizieht), ist für Bollas der Keim eines ganz besonderen Prozesses, in dem sich für die Klient*innen ein immer größerer Teil ihrer eigenen Innenwelt erschließt, sich Unbewusstes an Vorbewusstes knüpft.

Für ihn bilden Klient*innen und Analytiker*innen in jeder Stunde eine kleine Gemeinschaft, sie werden zum „Freudschen Paar“ (Bollas, 2006, S. 158), in dem zugehört und frei gesprochen wird. Gemeinsam ist man einem Sinn im Denken und Handeln auf der Spur, der manchmal offen zu Tage tritt, sich aber oft genug erst langsam im Verlauf einer oder mehrerer Stunden enthüllt.

Übertragen auf das Coaching ließe sich sagen, dass Klient*in und Coach eine Weise des Nachdenkens einüben, in der sich nach und nach „die Freiheit im Analytiker“ (ebd., S. 151), bzw. die Freiheit der Coach*innen mitteilt. Auch analytische Coach*innen, die ja nicht mit einem festgefügten Manual arbeiten, bieten immer wieder aufs Neue ihren anderen Blick an, eine andere Perspektive.

Sie folgen Gefühlen, die sich vielleicht nur als Kräuseln in den Wellenbewegungen des Gesprächs abzeichnen. Sie blicken mit den Klient*innen auf deren Arbeitsbeziehungen zu Dritten, aber sie finden auch Bezüge zur Innenwelt der Klient*innen, die diese dann im Gegenzug als Gedanken verwenden oder verwerfen können.

Den Geist wachsen lassen

Bollas Versprechen, das er aus den klassischen Texten Freuds ableitet, ist: „dass die freie Assoziation das Unbewusste wachsen lässt: dass es den Geist wachsen lässt.“ Der Prozess ist kein Mysterium, sondern basiert auf einer Kommunikation, in der neue Sichtweisen ausprobiert und Betrachtungsweisen experimentell angewandt werden. Das ist, anderes gesagt, ein Prozess, in dem nicht nur rationale Gedanken, sondern auch unterschwellige Gefühle und Assoziationsketten mit ins Spiel kommen. Auch hier geht es um Logik, aber nicht im strengen Sinn.

Der Strom dieser Assoziationen hat seine eigene, sehr verspielte Logik. Für Freud und für Bollas ist diese Logik sequenziell. Das heißt, dass sich im Reden und Zuhören eine Folge von Gedanken abbildet: eine „logische Linie, die sich durch die Erzählung enthüllt“ (ebd., S. 162). Man könnte hier an einen fiktiven Klienten denken, der sich in seinem Nachdenken in der Stunde von einer Episode in seinem Arbeitsalltag, zu einem Konflikt mit seinem Vorgesetzten, weiter zu einem Veränderungswunsch in Bezug auf seine Position und zu einem Verweis auf seine familiäre Herkunftswelt bewegt, und von dort zurück in den aktuellen Alltag. Im Dialog können bestimmte Muster im Handeln und Erleben deutlich werden, aber auch Momente, in denen vielleicht offenbar wird, dass sich bei dem Klienten in der vergangenen Woche sein Gefühl von Agency, von Handlungs-Macht, verschoben hat – und der generell sehr aktive Klient erneut ältere Gefühle von Ohnmacht hat, die mit Blick auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit verständlicher werden.

Sequenzielle Logik

Die Rede von der sequenziellen Logik könnte dazu verleiten, diesen Prozess als einen einfachen Faden zu sehen, aber Bollas will ihn als Geflecht denken, in dem einzelne Fäden ineinander münden, sich vielleicht wieder lösen und wieder zueinander finden.

Der Autor findet dafür zuerst ein neuronal anmutendes, bald aber auch ein schönes, musikalisches Bild. Ihm dient die Idee Freuds als Inspiration, dass der „logische Zusammenhang nicht nur einer zickzackförmigen Linie [entspricht], sondern einer verzweigten, und ganz besonders einem konvergierenden Liniensystem. Es hat Knotenpunkte, von denen zwei oder mehrere Fäden zusammentreffen, um von da an vereint weiterzuziehen.“

Weil wir in unserem Denken und Handeln nur unter Zwang einen einzigen Faden verfolgen, braucht die Entfaltung dieser Sequenz zu ihrer Beschreibung eine passend vielschichtige Metapher. „Ich denke vom Unbewussten“, sagt Bollas mit musikalischer Phantasie, im „Bild einer symphonischen Partitur“ (ebd., S. 166). So erweitert er die Logik der Sequenz, die sich horizontal, also zeitlich in der Abfolge der Stunde entfaltet, um eine zweite, parallel aufgehende, vertikale Dimension. Einzelne Motive und Dynamiken wandern demnach durch die einzelnen Stimmen von einer Instrumentengruppe zur nächsten, sie berühren einander wie in einer kontrapunktischen, symphonischen Partitur. Stimmig ist das Bild nicht nur, wenn man an ein großes Orchester denkt. Im Zweifelsfall könnte es auch eine Version für eine kammermusikalische Besetzung sein, oder nur ein Klavierauszug.

Metapher der Symphonie

„Wenn wir jede einzelne Kategorie als Musikinstrument betrachten, eine ist die Geige, die andere die Flöte, dann wird die Metapher der Symphonie aussagekräftiger, denn dann sieht man, wie das Instrument zu verschiedenen Momenten spielt, manchmal mit den anderen, dann allein, manchmal das ganze Stück. Ich möchte die Metapher nicht überstrapazieren (auch wenn ich dies vielleicht tue), aber ich denke doch, sie hilft uns zu verstehen, dass es im Unbewussten eine Art Orchestrierung gibt.“ (ebd., S. 167).

Diesem kontrapunktischen Zusammenklang zu lauschen, hat nicht das Ziel etwas aufzudecken. Vielmehr gilt es, so Bollas, Freud Theorie ernst zu nehmen als eine „Theorie unbewusster Kreativität.“ Im Unbewussten mag das Material für Konflikte und aversive Gefühle liegen, im Kern aber gilt: „Vieles, das wir unbewusst denken, ist angenehm und das Lustprinzip findet Objekte und Erfahrungen, die das Selbst ständig befriedigen.“ (ebd., S. 163).

Ein Netzwerk kreativer Kombination

Auch die Arbeit im analytischen Coaching ist weit weg davon, allein historische Wahrheiten aufdecken zu wollen, oder sich im Gestern einzurichten. Das erfolgreiche Management von innerem Wachstum und äußerem Druck, das moderne Führungskräfte leisten müssen, braucht das „breite Netzwerk kreativer Kombination“, an das Bollas denkt (ebd. S. 169). Es ist im Kern ein Netzwerk, das vom Ich aus operiert: „Es ist das Ich, das den Traum träumt, das die freie Assoziation denkt, auch das, das Romane schreibt, Symphonien komponiert usw.“. (ebd.. S. 170). Je stärker der Anschluss an diese „Symphonie des Unbewussten“ (Bollas)“ ist, desto größer der Spielraum im Verstehen und Handeln, den man erobern kann.

M. Sc. Robert Weixlbaumer, Coach bei dynaMIND

 

Literatur

Bonaminio, V., & Bollas, C. (2006). Unbewusst geschmiedete Transformationen. Unbewusste Kreativitäten. Vincenzo Bonamino interviewt Christopher Bollas Europäische Psychoanalytische Föderation. Bulletin (Vol. 60, S. 144-173).