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Psychoanalytisches Business Coaching

Urlaub trotz Krise? Was es braucht für das ersehnte Urlaubsgefühl

Ich brauche Urlaub! Im Urlaub sollen Anforderungen und Fragen des Alltags in den Hintergrund treten. Gerade in Krisenzeiten ist das nicht so einfach. Manchen Menschen fällt es generell schwer, den Alltag und speziell die Arbeit hinter sich zu lassen. Was braucht es für ein „richtiges“ Urlaubsgefühl? Aufschluss geben die eigenen Ansprüche und Bedürfnisse. Der Artikel handelt von den Fähigkeiten zur Verdrängung und zum inneren Spiel. Die sind gerade dann wichtig, wenn der Urlaub begrenzt ist oder Zuhause stattfindet… 

Urlaub in der Krise – geht das?

„Urlaub trotz Corona-Krise“: diese Worte finden sich in zahlreichen Überschriften der Zeitungen und Zeitschriften der vergangenen Sommerwochen. Das „trotz“ deutet an, dass Urlaub im Widerspruch zur Krise zu stehen scheint. Die meisten Artikel beziehen sich darauf, ob und wie es möglich ist, in der aktuellen Zeit in den Urlaub zu verreisen, v.a. in andere Länder. Der Ortswechsel ist ein wichtiger Aspekt dessen, was wir als Urlaub empfinden: rauskommen, mal was anderes sehen und erleben, erholen. Aber die geographische Distanz zum Alltag ist nicht immer ausschlaggebend dafür, dass sich das erhoffte Urlaubsgefühl auch tatsächlich einstellt. Hier interessiert uns deshalb, wie Urlaub eigentlich innerlich funktioniert: was braucht es, damit wir Urlaub auch wirklich als Urlaub empfinden können?

Was macht ein Urlaubsgefühl aus?

Urlaub bedeutet Pause vom Alltag, Freiheit von Verpflichtungen: die Erlaubnis, das zu tun, was ich möchte, was mir im Alltag womöglich fehlt. In dieser Gegenüberstellung steht Urlaub für Pflichtlosigkeit, Ausgelassenheit, Selbstbestimmtheit, während der Arbeitsalltag mit Pflicht, Einschränkungen, Verantwortungsbewusstsein verbunden ist. Im Arbeitsalltag scheint etwas angeschaltet, was wir im Urlaub ausschalten dürfen – so es denn klappt. Psychoanalytisch betrachtet kann man die Instanz, die im Arbeitsalltag dominant und im Urlaub weniger notwendig scheint, Über-Ich nennen. Das Über-Ich regelt allgemein als moralische Instanz unser Erleben und unser Verhalten: was ist zulässig, sozial kompatibel, moralisch vertretbar, von mir selbst und andere akzeptiert und anerkannt, wann bin ich ein „guter Mensch“? Es beinhaltet die verinnerlichten Normen und Idealbilder, die uns u.a. über die Erziehung der Eltern, der Gesellschaft, explizit und implizit vermittelt wurden. So spielt das Über-Ich auch bei unserem Arbeitsverhalten eine Rolle. Es beinhaltet unsere Vorstellungen und Ziele, was für eine Arbeitnehmerin oder Arbeitgeberin wir sein wollen oder denken sein zu müssen, welche Werte dabei wichtig sind. Diese Vorstellungen können uns anspornen, aber auch unter Druck setzen. So kann z.B. ein rigides Über-Ich, das sehr strenge und unflexible Vorstellungen beinhaltet, einerseits eine hohe Arbeitsmoral und Werte wie Verlässlichkeit und Fleiß erhöhen, andererseits aber auch zu Burnout-Gefahr und langfristiger Arbeitsunzufriedenheit beitragen.

Urlaub vom Über-Ich

Während das Über-Ich im Arbeitsalltag eine zentrale Rolle einnimmt, scheint im Urlaub dagegen ein anderer Mechanismus im Vordergrund: Wir dürfen uns erholen, alle arbeitsbezogenen Pflichten scheinen vorübergehend hintenangestellt, wie eine Pause vom „eigentlichen Leben“. Um in solch einen Zustand zu kommen, bedarf es einer gewissen Fähigkeit zur Verdrängung. Dem psychoanalytischen Bewältigungsmechanismus „Verdrängung“ haftet meist als etwas Negatives an: er beschreibt den unbewussten Vorgang, wenn Menschen schwierige Erlebnisse und Gefühle verdrängen, um unangenehme Gefühle wie Angst, Ärger, Schuld oder Scham nicht spüren zu müssen. Wenn das zu häufig und zu umfangreich geschieht, kann es zu psychischen Symptomen und auch Schwierigkeiten in Beziehungen kommen. Verdrängung ist aber nicht per se pathologisch. Im Gegenteil: Wir alle verdrängen tagtäglich mehrere Male wichtige und unwichtigere Erlebnisse und Gefühle. Fast permanent verdrängen wir zum Beispiel die Tatsache, dass alle Menschen um uns herum und wir selbst zu einem unvorhersagbaren Moment des Lebens sterben werden. Das müssen wir auch immer wieder (temporär) verdrängen, da die damit verbundenen Ängste und Fragen unsere Lebensfähigkeit beeinträchtigen würden. Um also in einen entspannten bzw. ausgleichenden Urlaubsmodus zu kommen – so können wir nun schlussfolgern – müssen wir fähig sein, temporär die sonst wichtigen Arbeitsanforderungen zu verdrängen, die an uns gestellt werden (ob von außen oder auch von unserem eigenen Über-Ich). Im Urlaub brauchen wir, etwas salopp formuliert, ein gelockertes Über-Ich. So darf uns beispielsweise die auf dem Schreibtisch auf uns wartende Steuererklärung nicht quälen. Im Urlaub sollten die Anforderungen in den Hintergrund rücken können, eine verlässliche Führungskraft zu sein, eine fleißige Mitarbeiterin, ein kompetenter Kundenbetreuer, ein erfolgreicher Sohn oder die Mutter, die ihre Familie finanzieren muss.

Bahn frei: Urlaubsfeeling!

Bleiben wir in der psychoanalytischen Theorie, so lässt Urlaub mehr Raum für eine andere Instanz, die unser Erleben und Verhalten beeinflusst: das Es. Als Es konzipierte Freud alle uns innewohnenden Triebimpulse, das Lustvolle, unsere Bedürfnisse. Im Arbeitsalltag wird das Es häufig und oft auch schnell durch die Instanz des Über-Ichs reglementiert: „Ich kann doch nicht jeden Tag ein Kaffee für 4.50€ trinken, dann bin ich bald pleite; Wenn ich ausschlafe komme ich spät zur Arbeit – dann denken die anderen, ich sei faul! Wenn ich nicht bald in die Führungsetage aufsteige, bin ich (oder sind meine Eltern?) unzufrieden mit mir.“ Im Urlaub erlauben wir uns häufiger Dinge, die wir uns im von Arbeit geprägten Alltag eher untersagen. In diesem „legitimen Ausnahmezustand“ erscheint es vielen Menschen leichter, Ausnahmen zu machen, die eigenen Bedürfnisse zu spüren und ihnen auch zu folgen. Im Urlaub suchen die meisten Menschen das, was sie im Alltag vermissen: Erholung, Neues kennenlernen, Abwechslung. Wir entscheiden, sofern es uns finanziell oder auch sozial möglich ist, eher nach dem Lustprinzip als im Alltag.

Urlaub als Freifahrtsschein?

Das klingt nun, als könnten und sollten wir im Urlaub tun uns lassen, was wir möchten. Ich will jetzt sofort ein Eis essen, also ignoriere ich die Schlange und die Blicke der anderen Urlauber*innen und stelle mich einfach ganz vorne an. Die Fähigkeit, vorübergehend die Arbeit hinter uns zu lassen und damit verbundene Anforderungen unseres Über-Ichs zu lockern, ist nicht mit allgemeiner Morallosigkeit, Ignoranz und Egoismus gleichzusetzen. Das Über-Ich ist eine wichtige Instanz, die unser soziales Zusammenleben überhaupt erst möglich macht, auch im Urlaub. Zentral für ein inneres Urlaubsgefühl ist aber die Fähigkeit, von einem Leistungsprinzip vorübergehend Abstand nehmen zu können. Das umfasst das Leistungsprinzip des Arbeitsalltags, aber auch Urlaub kann zur Leistung werden: wer unbedingt den höchsten Berg besteigen muss oder alle Sehenswürdigkeiten gesehen haben muss, wird es meist ebenso schwer haben, nach dem Lustprinzip zu genießen.

Urlaub ade: wenn die Lockerung nicht gelingt

Was passiert, wenn uns die Lockerung unserer Ansprüche und eine temporäre Verdrängung (als unbewusster Prozess) nicht gut gelingt? Da taucht im Urlaub morgens die unfertige Steuererklärung im Kopf auf; am See quält das Schuldgefühl, dass die Kolleg*innen die Arbeit übernehmen müssen; und abends sitzt die Angst im Nacken, dass ein Auftrag durchrutschen könnte, wenn das Handy ausgeschaltet ist. Werden die anderen merken, dass man mich nicht braucht? Oder was kommt auf mich zu, wenn ich zurückkomme: der Stapel Papiere auf dem Schreibtisch? Entspannung unmöglich. Gelingt der Abstand von diesen schwierigen Gefühlen des Arbeitsalltags nicht, hängt das häufig mit offenen und nicht abgeschlossenen Konflikten zusammen. Diese Konflikte müssen keine zwischenmenschlichen sein, sondern können auch nur innerhalb einer Person mehr oder weniger bewusst ihre Kreise ziehen. So wird sich z.B. ein generell seit längerem schwelendes schlechtes Gewissen gegenüber einer Kollegin nicht schnell ganz ausschalten lassen; die Scham über einen Auftrag, der eigentlich noch vor dem Urlaub hätte erledigt werden sollen, bleibt im Magen liegen; und eine allgemeine Unzufriedenheit mit der eigenen Karriere macht sich womöglich sogar noch stärker bemerkbar als im beschäftigten Alltagsmodus.

 

 

Wie also am besten urlauben?

Der Tapetenwechsel („mal rauskommen, was anderes sehen“) hilft häufig, ganz konkretistisch die Alltagsanforderungen nicht direkt vor der Nase zu haben: der Terminkalender, der Schreibtisch, das Monatsticket für die Bahn, die nervige Kollegin sind eher aus den Augen – und so auch aus dem Sinn. Der eigentliche Effekt der räumlichen Distanz ist aber, dass so leichter eine innere Distanz entstehen kann, die für das Urlaubsgefühl notwendig ist. Das wird vor allem zur Herausforderung, wenn der Urlaub Zuhause stattfindet – ob selbstgewählt, oder zum Beispiel aufgrund äußerlicher Einschränkungen wie der einer Pandemie. Wie also diese innere Distanz herstellen? Hilfreich ist es, sich bereits im Alltag bewusst zu machen, was innere Konflikte sein können, die schwer auszuschalten sind. Gefühle wie Angst, Schuld, Scham können darauf hinweisen, dass etwas im Argen liegt. Das können konkrete Dinge sein, wie liegengebliebene Aufgaben zu erledigen, aber auch generelle Vorstellungen und Ansprüche zu hinterfragen, wie z.B. die innere Überzeugung „Ich muss immer verfügbar sein, sonst bin ich kein guter Mitarbeiter“. Wer sich gut mit der eigenen Arbeitsperformance im Alltag fühlt, kann sich auch leichter eine Auszeit gönnen.

Auch kann bereits der Wunsch nach Urlaub und was man darin sucht Aufschluss darüber geben, wo im Alltag eine Schieflage ist oder was fehlt. Vielleicht möchte ich endlich mal wieder was Neues erleben, Menschen treffen, mich sportlich an Grenzen treiben oder mich ohne Sorge um den nächsten Morgen ins Nachtleben stürzen. Oder ich sehne mich danach, einfach nur am Strand zu liegen, mit niemandem zu sprechen, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen oder mal wieder was anderes als Take-away Pizza zu essen. Unsere Phantasien und Wünsche sagen bereits viel darüber aus, wie unser Alltag aussieht und welche unserer Bedürfnisse darin zu kurz kommen.

Urlaubsmomente im Alltag

Während das Es also im Urlaub meist per se mehr Raum bekommt, kann eine lohnende Investition sein, sich dessen auch im Alltag mehr zu widmen. Wie kann ich meine Bedürfnisse im Alltag besser bemerken und integrieren? Die eigene Urlaubspraxis kann Aufschluss geben: wann habe ich mich mal so richtig erholt/ ausgeglichen gefühlt? Eine Maßnahme, die gerade vielbeschäftigte und arbeitswütige Menschen als hilfreich erleben, kann z.B. ein technikfreies Wochenende, oder auch nur ein technikfreier Nachmittag sein. Ich lasse mein Handy heute aus und „tue so, als sei ich im Urlaub“. Wie sich im Konjunktiv schon andeutet, ist hier die Fähigkeit zur Phantasie und zum inneren Spielen hilfreich, was die meisten Menschen aus der Kindheit kennen. Mal was anderes machen als sonst, Tourist in der eigenen Stadt spielen, Alltagsroutinen aufbrechen. Bei Kindern können wir beobachten, wie das Erleben vor allem von inneren Bildern geprägt ist: der Sessel wird mit ein paar Decken und einem Schaukelpferd zu einer Kutsche, mit der in einem weit entfernten Land die Wüste durchquert wird. Diese Fähigkeit zum Spielen geht mit dem Erwachsenwerden und den Anforderungen des Arbeitsalltags (und des Über-Ichs) häufig verloren. Sie kann wieder aktiviert werden – was aber Übung bedarf! Kleine spielerische Urlaubsmomente im Alltag nehmen auch etwas von dem Druck, dass der Jahresurlaub auf Knopfdruck erholsam sein muss und all das kompensiert, was im Alltag untergeht. So kann sich die gefühlte Lebensqualität verbessern und auch die Gefahr eines Burnouts vorgebeugt werden. Innerer Abstand und Erholung sind gerade in Krisenzeiten wichtig, da sie uns befähigen, auch nach dem Urlaub(smoment) wieder mit Anforderungen, Stress und auch schwierigen Gefühlen umgehen zu können.

 

Rebekka Haug, Coach bei dynaMIND