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Psychoanalytisches Business Coaching

Oh Romeo! Oh Julia!

Von der Liebe fürs Team lernen. Oder: Wie unbewusste Konflikte Dynamiken antreiben. Eine der prägnantesten Studien zum Thema Zweierbeziehungen stammt von dem amerikanischen Forscher Steven H. Strogatz. Sie formuliert sehr Grundsätzliches, aber sie passt trotzdem auf eine Seite im Mathematics Magazine. Strogatz beschäftigt sich vorzugsweise mit komplexen Systemen mit vielen, voneinander abhängigen Variablen, deren Verhalten schwer berechenbar ist.

Liebesangelegenheiten und Differenzialgleichungen

Doch in dem hier zitierten Aufsatz „Love affairs and differential equations“ (Strogatz, 1988) finden auch rechenfeindliche Leser*innen schnell einen ersten Anschlusspunkt. Der für mathematische Verhältnisse sehr ausgelassen formulierte Text widmet sich dem Verhalten von zwei Figuren, die darin Romeo und Julia genannt werden. Sie lassen sich mit ihrer Dynamik von Suche und Sich-Verfehlen vorzüglich in die Sprache von Differenzialgleichungen übersetzen, aber ihr Drama ist trotzdem allgemein verständlich. „Julia liebt Romeo, aber in unserem Beispiel ist er ein wankelmütiger Liebhaber. Je mehr Julia ihn liebt, desto weniger mag er sie. Doch wenn sie ihr Interesse verliert, dann werden seine Gefühle für sie wieder wärmer. Sie andererseits spiegelt ihn: Ihre Liebe wächst, wenn er sie liebt – und verwandelt sich in Hass, wenn er sie hasst.“

Unharmonische Teufelkreise

Die Dynamik, die Strogatz mit seinen simplen Differenzialgleichungen beschreibt, nennt die Mathematik „harmonischer Oszillator“ – auch wenn es hier um Streit geht. Es ist ein nicht endender Zirkel, der sich selbst speist und in dem sich immer wieder die gleiche Dynamik wiederholt. Immerhin: selbst in diesem Teufelskreis, gibt es nicht nur Unglück. Ein Viertel der Zeit sind die beiden Liebhaber*innen glücklich miteinander vereint.

Solche Differenzialgleichungen stehen hinter vielen Modellen, mit denen Verhalten modelliert wird, das von anderem Verhalten abhängig ist. (Sie sind übrigens auch der Grundstoff der Modelle, mit denen Wissenschaftler*innen aktuell ausrechnen, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt.)  Die eigentliche, globale Botschaft darin, über die wir auch im Business Coaching in Berlin gemeinsam mit unseren Klient*innen nachdenken, sind zwei Faktoren.

Zwei zentrale Faktoren

Erstens: das Erleben von Ambivalenzen, wie im Falle des Romeos. Etwas, das man bewusst sucht (etwa: Nähe), kann unbewusst von einem anderen, entgegengesetzten Wunsch (nach Distanz) begleitet sein. Die Begriffe lassen sich ersetzen, zum Beispiel durch: Autonomie gewähren und  Kontrolle ausüben. Ein Konflikt, der in einer Person liegt, wird im Zusammentreffen mit einer anderen als Konflikt mit ihr erlebbar.  Ähnliche Dynamiken kennen wir alle und sie als Führungskraft bei sich und anderen zu durchschauen und in ihren Wiederholungen zu verstehen und zu unterbrechen, ist eine zentrale Qualität von modernen Formen von Leadership.

Zweitens: Die Bedeutung von Rückkoppelung und Spiegelung durch andere. Dynamiken in Teams können sich schnell verstärken, in erwünschte und in unerwünschte Richtungen. Analytisches Business Coaching lässt Sie besser verstehen, welche Kräfte in dysfunktionalen Schleifen am Werke sind und warum man sich so oft in konfliktreichen Wiederholungen befindet. Doch das Romeo & Julia-Beispiel macht auch deutlich, dass Systeme sich mit einem besserem Verständnis ihrer Dynamiken konstruktiv verändern lassen. Im analytischen Coaching beginnt das mit einem besseren Verstehen von Teams und von sich selbst.

Robert Weixlbaumer, Psychologe und Coach bei dynaMIND

Quelle:
Strogatz, S. H. (1988). Love affairs and differential equations. Mathematics Magazine, 61(1), 35-35.